Momberg: Zwei Matzenfabriken

Sitta Blumenfeld, meine Grosstante vierten Grades, war mit dem Nudel- und Matzenbäcker Siegfried Spier verheiratet. Schon vor meinem Besuch in Momberg hatte ich in Willy Schmitts Chronik und im kleinen Büchlein «Aus den Erinnerungen an Kindheit und Konzentrationslager» von Gisela Spier-Cohen darüber gelesen. Willy Schmitt schreibt:

«Bis zum Anfang der 30er Jahre gab es in Momberg zwei Matzenbäckereien: Isaak Spier und Siegfried Spier. […] [I]n grossen Kisten verpackt, gingen die Lieferungen weit über die hessischen Grenzen. In diesem Betrieb sorgte Hermann Levi [s. Foto links.1] aus Neustadt als Betriebsleiter für die ‹Koscherheit›.»

Die ehemalige Matzen-Fabrik von Siegfried Spier in Momberg 2026. Foto: Richard J. Bloomfield.
Gisela Spier-Cohen vor der ehemaligen Matzen-Fabrikihres ihres Vaters, 1990er Jahre. Foto: Simeon Spier.

Die Matzen- und Nudelfabrik von Siegfried Spier wurde von seinem Grossvater, Joseph Spier (1824-1914), gegründet. Auch nach Joselphs Tod trug die Fabrik seinen Namen, wie dieses Inserat in Der Israelit vom 21. September 1922 belegt.

Gisela Spier-Cohen sagt in einem Interview über die Bedeutung der Matzenbäckerei für das Dorf Momberg: «Von meiner Vaterseite hatten wir ’ne Mazzenfabrik. […]. Die Fabrik war sehr gut für’s Dorf, denn Momberg war ein katholisches Dorf, die Höfe waren ziemlich klein, und war ein armes Dorf im Verhältnis mit den umgebenden Dörfern, die waren alle protestantische Dörfer. Und in den katholischen Dörfern wurde alles geteilt, so wurden die Bauern immer ärmer in der nächsten Generation.2 Und daher, da wir die Mazzenfabrik in Momberg hatten, hatten die Mädchen dann Arbeit in unserer Mazzenfabrik – und auch Männer. Und die Matzenbäckerei hat dann vielen, im Dorf geholfen, wirtschaftlich im Dorf geholfen.»3

Simeon Spier, der Enkel von Siegfried und Sitta Spier-Blumenfeld, schreibt, dass seine Grosseltern «an einem Patent für die ersten koscheren Pessach-Nudeln arbeiteten. Diese sollten unter dem Markennamen ‹Marke Tova› registriert werden. Die Unterlagen wurden in den 1930er Jahren eingereicht, doch da die Nazis an der Macht waren, geriet der Antrag ins Stocken und wurde nie registriert.»4

Vor seiner Deportation wurde Siegfried Spier gezwungen, das Eigentum an der Fabrik auf eine nichtjüdische Person zu übertragen. Er übertrug es seinem Fabrikleiter, einem nichtjüdischen Mann aus dem Dorf, unter der Vereinbarung, dass das Eigentum bei Siegfrieds Rückkehr nach Momberg wieder an ihn zurückgegeben werden sollte. Siegfried und Sitta Spier-Blumenfeld wurden im Herbst 1944 in Auschwitz vergast und kehrten nie mehr nach Momberg zurück. Der Fabrikleiter starb nach dem Krieg, und sein Sohn erbte die Fabrik.5

Mehr über das Schicksal der Familie Spier-Blumenfeld hat meine Cousine Amy Cohen in ihrem Blog berichtet. Der Artikel ist hier zu finden.

Siegfried und Sitta Spier-Blumenfeld mit Gisela und Manfred, 1934.

Das Gebäude der ehemaligen Nudel- und Matzenfabrik steht heute leer. Der Besitzer hat kein Interesse daran, daraus etwas zu machen. Der Grund dafür ist sicher, dass das Gebäude unter Denkmalschutz steht und jede Reparatur oder Veränderung kompliziert und kostspielig wäre. Leider scheint die ehemalige Fabrik dem Verfall geweiht zu sein!

In einem Interview vom 19. November 1976 dem Lehrer Heimel, Marburg, und den Schülern Sack und Stark, Momberg, erzählt Ruth Lion-Spier über das Schicksal der zweiten Matzenfabrik:

Mein Vater, Isaak Spier, «war Kaufmann, also landwirtschaftliche Maschinen, und wir hatten eine Matzenbäckerei. […] Und wir haben hier die Matzenbäckerei gehabt in diesem Haus [s. Fotos]. Das ganze Haus gehörte uns und durch die Verhältnisse wurde es verkauft. Wir haben nie Geld bekommen. und nachdem ich [nach dem Krieg] zurückkam, habe ich mich mit der Frau Kaufmann, die hier gewohnt hat, geeinigt. Denn ich hatte nichts und sie hatte nichts. Ihr Mann ist gestorben – und da haben wir uns die Sache geteilt. Auf freiwilliger Basis.»

Die Matzen-Fabrik von Isaak Spier befand sich im linken Teil des Hauses, zu dem Isaacs Tochter Ruth Lion-Spier nach dem Krieg zurückkehrte. Foto: Richard J. Bloomfield, 2026.

Wie es zum Verkauf des Gebäudes erzählt Ruth Lion-Spier:

«Es war folgendes: Mein Vater [Isaak Spier] hatte Schulden und eine Hypothek auf dem Haus, und zwar war das ein Mann in Dittershausen, der hiess Schmidt. Der hatte eine Mühle da, und wir haben doch eine Matzenbäckerei gehabt, und wir haben Mehl bekommen von der Mühle. Das liegt aber schon sehr, sehr lang zurück. Und nachher ging das Geschäft, es ging doch überhaupt nichts mehr, wir hatten doch kaum Geld, ein Pfund Salz zu kaufen. Das weiss ja keiner, wie gross die Not war. Und dadurch war mein Vater in Schulden gekommen, und hatte eine Hypothek hier aufm Haus aufgenommen, damit er die Schulden bezahlen konnte. [… D]er Schwiegersohn von dem Mann in Dittershausen, der war auch ein guter Nationalsozialist, und der hat sich die ganze Geschichte angeeignet. Wir haben das Haus über den Kopf verkauft gekriegt. Und das Geld, was eigentlich uns zugestanden hätte, das hat der Mann kassiert und dadurch ist das ganze Durcheinander gekommen. Und nachdem ich zurückkam, wollte ich natürlich mein Haus wiederhaben. Und da habe ich aber gesagt: Die Frau kann doch gar nichts dazu. In der Zwischenzeit war ihr Mann gestorben, und da habe ich gesagt: Die Frau kann doch gar nichts dazu. Warum soll ich denn die Frau quälen? Ich kann doch auch nichts mitnehmen, wenn ich sterbe, also reicht mir, dass ich ein Dach über dem Kopf habe, und der Frau reicht es auch. Und da haben wir uns vor Gericht gütlich geeinigt. Der Richter hat mir damals gesagt, dass er Respekt vor mir habe, dass ich die Geschichte so gemacht habe, und ich habe ihm genau das erzählt, was ich Ihnen jetzt erzählt habe.»

Michels-Haus an der Hauptstrasse am Flutgraben, Haus Nummer 27. Michael und Berta Spier-Frank und Sohn Isaak Spier mit Frau Johanna, geb. Rothschild betrieben eine Matzenbäckerei und die Fabrikation von Zementdachziegeln. Foto und Text: Willy Schmitt, Momberg eine Chronik.

Heute steht auch dieses Haus leer und scheint seinem Schicksal überlassen zu sein.

Isaak Spier, Ruth Lions Vater, «war vom 20. Mai 1941 bis zum 28. Januar 1942 als ‹Schutzhäftling› im Arbeitslager Breitenau inhaftiert. Am 11. März 1942 zog er nach Frankfurt ins jüdische Altersheim. Von dort wurde er am 18. August 1942 in Ghetto Theresienstadt deportiert».6 Er wurde 1942 in Auschwitz vergast.7 Ruths Mutter, Johanna Spier-Rothschild, «zog am 5. Juni 1942 nach Frankfurt ins jüdische Altersheim. Von dort deportierte man sie ins Ghetto Theresienstadt.»8 Johanna wurde 1942 in Treblinka vergast. Gisela Spier-Cohens Sohn Simeon berichtet von einem tragischen Detail im Zusammenhang mit der Ermordung von Isaak und Johanna: «Meine Mutter war die letzte Verwandte, die Johanna und Isaak Spier auf dem Bahnsteig in Theresienstadt sah, als sie in die Vernichtungslager deportiert wurden.»9

Isaak und Johanna Spier-Rothschild, Kennkartenfoto um 1939. Fotos: «unbekannt verzogen» oder «weggemacht».

Mit ihrem Ehemann Ludwig Lion wurde Ruth Lion-Spier am 8. Dezember 1941 von Marburg ins Ghetto Riga deportiert.10 Zu dieser Zeit war Ruth schwanger. Das Schicksal des Kindes ist der Familie nach wie vor unbekannt.11 Ruth überlebte den Holocaust und kehrte, wie sie im Interview oben erzählt, nach dem Krieg nach Momberg zurück.12 Es gibt viel Tragisches und Mutiges über Ruth Lion-Spier zu erzählen, doch dies hier zu tun, würde den Rahmen der Geschichte der Fabriken sprengen.


  1. Foto: Kennkartenantrag 1938, aus der Broschüre für die Stolpersteinverlegung für die Familie Levi in Neustadt (Hessen). ↩︎
  2. In den protestantischen Dörfern galt das Anerbenrecht, bei dem das gesamte Erbe in der Hand des ältesten Sohnes blieb. In den katholischen Orten hatte jedes Kind das gleiche Erbrecht. Meist bekam der älteste Sohn Haus und Hof. Grund und Boden aber wurden nach der Kinderzahl aufgeteilt. Im Laufe der Generationen wurden so die einstmals grossen Bauernhöfe immer mehr zerstückelt, so dass sie als Erwerbsgrundlage nicht mehr ausreichten. (Andrea Freisberg, Gerhard Beiker, Nova Civitas, Neustadt (Hessen), Eine Wanderung durch die Geschichte der Stadt.) ↩︎
  3. Gisela Spier-Cohen, zitiert in: Nadine Docktor und Stefanie Nathow, Jüdische Jugendliche im nationalsozialistischen Deutschland vor dem Holocaust, Ein Unterrichtsmodul mit Videointerviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, S. 90. ↩︎
  4. Simeon Spier an Richard J. Bloomfield (E-Mail), 15. Juli 2026. ↩︎
  5. Simeon Spier an Richard J. Bloomfield (E-Mail), 15. Juli 2026. ↩︎
  6. Barbara Händler-Lachmann/Ulrich Schütt, «unbekannt verzogen» oder «weggemacht», Schicksale der Juden im alten Landkreis Marburg 1933-1945, S. 134. ↩︎
  7. Simeon Spier an Richard J. Bloomfield (E-Mail), 15. Juli 2026. ↩︎
  8. Barbara Händler-Lachmann/Ulrich Schütt, «unbekannt verzogen» oder «weggemacht», Schicksale der Juden im alten Landkreis Marburg 1933-1945, S. 134f. ↩︎
  9. Simeon Spier an Richard J. Bloomfield (E-Mail), 15. Juli 2026. ↩︎
  10. Barbara Händler-Lachmann/Ulrich Schütt, «unbekannt verzogen» oder «weggemacht», Schicksale der Juden im alten Landkreis Marburg 1933-1945, S. 135. ↩︎
  11. Simeon Spier an Richard J. Bloomfield (E-Mail), 15. Juli 2026. ↩︎
  12. Barbara Händler-Lachmann/Ulrich Schütt, «unbekannt verzogen» oder «weggemacht», Schicksale der Juden im alten Landkreis Marburg 1933-1945, S. 135. ↩︎

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