Besuch in Neustadt und Momberg: Erinnerungskultur

Schon bevor mein amerikanischer Cousin Jim Bloomfield und ich nach Neustadt-Momberg, dem Heimatort unserer Blumenfeld-Vorfahren reisten, fühlten wir uns willkommen geheissen. Die Stadtverwaltung in Neustadt reagierte mit Freude auf die Ankündigung unseres Besuchs. Die Stadtarchivarin Andrea Freisberg wollte unbedingt mit uns über die Ergebnisse unserer Familienforschung sprechen. Sie recherchiere seit zwei Jahren über die ehemaligen jüdischen Gemeinden in Neustadt-Momberg und Neustadt. Und wenn wir es möchten, würde sie eine Unterkunft besorgen. Sie kündigte sogar ein Treffen mit dem Bürgermeister Thomas Groll an! Dazu stellte sie die Verbindung zu Frank Nühs aus Momberg her, dessen über 90-jährige Mutter sehr viel über die Momberger Geschichte weiss. Bei einem Dorfrundgang könnte er unsere Fragen zum Ort sicher beantworten.

In Andrea Freisbergs Büro im vor Kurzem restaurierten Ern-Tennen-Haus aus der Zeit um 1700 gab es einen regen Austausch über die scheinbar unzähligen Abraham Blumenfelds in Momberg, die teilweise kaum einzuordnen sind. Durch ihren Zugang zu den alten Registern erfuhren wir einiges und konnten für sie ein paar «Knöpfe» in ihrer Forschung lösen. Wir bleiben auf jeden Fall in Kontakt!

Bürgermeister Thomas Groll empfing uns herzlich im ehrwürdigen Rathaus und schilderte die Entwicklung der Erinnerungskultur in Neustadt. Erst Ende März 2025 wurden die ersten Stolpersteine für im Holocaust ermordete Juden und Jüdinnen aus Neustadt verlegt. «Vor zehn Jahren wäre das unmöglich gewesen», stellte Groll fest. 2020 war es doch möglich gewesen, auf dem Rathausplatz ein Denkmal zu errichten, das an die Gräueltaten der Nationalsozialisten an ihren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern erinnert.

Das Denkmal – die Bank der Erinnerung – auf dem Rathausplatz besteht aus einer Bank und einem Tisch. Auf dem Tisch liegt ein grosses Buch mit den Geschichten verschiedener jüdischen Familie der Stadt Neustadt. Bank und Tisch sind miteinander verbunden. Das soll helfen, eine Verbindung zwischen den lesenden und den im Buch geschilderten Personen herzustellen.

Die Initiative für die erste Stolpersteinverlegung ging vom Neustädter Lehrer Roman Mehler aus. Er hätte festgestellt, dass in den Orten um Neustadt schon Stolpersteine verlegt worden seien, und fragte sich, warum es in Neustadt noch keine gäbe. Er würde das Projekt gerne mit seinen Schülerinnen und Schülern der 10. Klasse der Martin-von-Tours-Schule umsetzen. Die Stadt setzte Lehrer Mehler mit Archivarin Andrea Freisberg in Verbindung, in der er eine tatkräftige und konsequente Mitstreiterin fand. Die ersten Stolpersteine wurden vor dem Haus in der Lehmkaute 7 in Erinnerung an Karl Stern, seine Frau Erna Abraham, Ernas Mutter Betty Abraham sowie die Kinder Harry, Ellen und Marion verlegt. Im März 2026 wurden vor der Bahnhofstrasse 6 und der Bogenstrasse 1 zwölf Stolpersteine in Erinnerung an die Familie Levi verlegt.

Im Gespräch mit Bürgermeister Groll und Stadtarchivarin Freisberg konnten meine Cousin Jim Bloomfield und ich feststellen, dass es diesen Menschen ein Herzensanliegen ist, die Entwicklung der Erinnerungskultur in Neustadt voranzutreiben.

Unten die Stolperstein-Broschüre für die Familie Levi, Neustadt.

Leave a comment